Freitag, 28. Januar 2011

"Die Waffe im Schrank zu meiner Sicherheit"

Wer mich kennt, weiss, dass ich eine deutliche Meinung zur Waffeninitiative habe. Deswegen ist ein Blogartikel längst überfällig. Ich habe mich etwas schwergetan, denn es gäbe soviel zu sagen. Statistiken über Gewaltverbrechen und Suizide interessieren mich nicht (mehr), denn die werden von Gegnern und Befürworten zu ihren Gunsten gefälscht und interpretiert.
Generell empfehle ich, einmal den originalen Initiativtext zu lesen und dann seine Meinung zu bilden, in welcher Art wohl Schützenvereine, Jäger, Sammler oder gar Bogenschützen davon betroffen seien. Mit ein bisschen Fantasie finden die Obligatorischen und Feldschiessen auch später statt.

Aber darum geht es nicht, ich will etwas anderes ansprechen. Es wird oft als Argument vorgebracht, dass die Initiative nichts für Sicherheit bringe resp. dass nur noch Kriminelle Waffen halten würden. Ich zweifle grundsätzlich an, dass mit einer Waffe im Haus irgend etwas sicherer wird. Das funktioniert vielleicht bei Ziva David (NCIS), aber nicht in der Realität.

Fall 1, bekannt aus der Presse: Ein Landwirt in Schwarzenburg pflanzt Industriehanf an. Es sind ihm schon mehrere Pflanzen gestohlen worden, weil ein paar Geistesakrobaten auf den Gedanken kamen, man könne sich daraus etwas zum rauchen bauen. Eines nachts streichen wieder Hanfdiebe um die Liegenschaft. Der Landwirt holt sein Sturmgewehr und streckt einen der Täter nieder. Keine Frage, der Waffeneinsatz war völlig überzogen, ein schlimmer Fall von Selbstjustiz. Der Landwirt wird sich wegen Tötung verantworten müssen.

Fall 2: ein Kollege war spät nachts auf dem Heimweg, raucht ein Zigarillo. Unterwegs trifft er zwei Typen (Schweizer!) und einer davon spricht ihn an, ob er auch einen haben dürfe. Mein Kollege bietet ihm eine an; der Andere greift ohne ein Wort selbst zu. Mein Kollege zieht zurück und meint, er möge doch bitte fragen. Die zwei Passanten goutieren das überhaupt nicht und schlagen meinen Kollegen mit mehreren Schlägen und Tritten nieder und verziehen sich dann. Mein Kollege sagt, zum Glück habe er keine Waffe gehabt, das wäre nicht gut gegangen.

Fall 3, eigene Erfahrung: zu Zeiten, als die Armee die Aufgabe hatte, die Botschaften zu bewachen, hatten wir das Glück, das Bewachen zu üben. Der Leiter war im richtigen Leben Polizist, verstand also sein Metier. Bei der ganzen Sache ist mir bewusst geworden, dass keiner auch nur im Ansatz fix genug gewesen wäre, seine Aufgabe zu erfüllen. Wenn der Angreifer nur ein bisschen kaltblütig ist, wird der Bewacher ausgeschaltet, bevor der nur Pieps sagen kann. Es besteht eher die Gefahr, dass der Bewacher wegen einer Nichtigkeit nervös wird und Unschuldige über den Haufen schiesst.


Eine Waffe wirkt in den meisten Fällen eskalierend. Mir ist schlichtwegs kein Fall bekannt, dass sich wegen einer Waffe eine Situation beruhigt hat (ausgenommen professionelle Polizeieinsätze). Man möge mir andere Beispiele nennen, die das Gegenteil bezeugen. Ich kenne keines.

Mein Fazit aus diesen Fällen: eine Waffe gehört nur in gut ausgebildete Hände. Gut ausgebildet bedeutet nicht, dass man auf 300m eine 5 oder 6 schiessen kann und weiss, wie die Waffe zerlegen, reinigen und zusammenbauen. Es bedeutet, dass man sicher damit umgehen kann. Bei Sportschützen oder einem Jäger ist das innerhalb der Aufgaben gegeben und wird auch sauber ausgebildet. Polizeiaufgaben sind um einiges schwieriger. Zum Selbstschutz wirkt wird eine Waffe in den meisten Fällen eskalierend. Die Armeeausbildung reicht nicht aus, damit man mit einer Waffe eine Situation beruhigen kann.

Meine Meinung: falls ein Einbrecher bei mir im Haus ist, soll er von mir aus mitnehmen, was er findet, ich will ihm schlicht und einfach nicht begegnen. Das ist Sache der Polizei, denn Sachen sind ersetzbar, Leben nicht! Und sollte ich an ein Gewaltverbrechen stossen, ist es eine Illusion zu glauben, dass ich mit einer Waffe mehr erreichen als kann als mit einmal 112 wählen. Das wird die Polizei auch bestätigen.

Die Zeiten sind längst vorbei, wo man von Wegelagereren aufgehalten wurde. Die HD-Läppli-Romantik, dass sich jeder Soldat bewaffnet zu seinem Mobilmachungsort durchschlagen muss, ist definitiv Schnee von vorgestern. Der kalte Krieg ist seit 20 Jahren vorbei. Neue Kriege werden nicht mit dem Sturmgewehr ausgetragen oder kündigen sich Monate bis Jahre vorher an.

Deshalb: es gibt keinen Grund, Waffen daheim aufzubewahren. Wer einen Grund gemäss Artikel 118a Abs 2 vorweisen kann, soll seine Waffe haben. Alles andere ist illegal! Und mündige Bürger brauchen sowieso keine Waffe.

Ah ja: statt der Polemik zu glauben, einfach mal den Initiativtext lesen:
http://www.admin.ch/ch/d/pore/vi/vis361t.html

Kommentare:

  1. Danke für den Artikel.
    Ich hab mich mit der Thematik auch erst so befasst, seit wir in der Schweiz leben. Es ist ein sehr seltsames Gefühl für mich, dass beide Nachbarn Waffen im Haus haben, einer davon sogar eine MG. Im Sommer übt ein Nachbar auch gern hinterm Haus das Zielschießen.
    Wir leben neben einer Schlucht, auf der anderen Seite befindet sich oben am Berg ein Schießstand und der ist im Sommer nahezu jeden Abend hochfrequentiert.

    Es ist jetzt nicht so, dass ich vorher nie Kontakt zu Waffen hatte, mein Vater besitzt auch ein Luftgewehr und eine Luftpistole, aber er hat dazu eine langwierige Ausbildung machen müssen, sie sind gut verschlossen (keine Gefahr, dass in Panik z.B. wegen eines Einbrechers zur Waffe gegriffen werden kann) und niemand weiß, dass er sie besitzt. Es wird nicht thematisiert, die Waffen sind praktisch nicht existent und mein Vater möchte sie demnächst abgeben, weil er als Rentner keine Notwendigkeit sieht, sie weiterhin zu besitzen.

    Ich will keine Waffe -ich dürfte als Ausländerin in der Schweiz ohnehin keine besitzen, aber es ist ein seltsames Gefühl zu wissen, dass praktisch jeder um mich herum eine hat. Ein ganz ganz seltsames Gefühl. Eben weil ich es so sehe wie du.

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  2. bekanntermassen darf ich bei den grünen ferien nicht mitmachen.
    die ganze waffeninitative find ich noch nicht durchdacht! es geht ja wirklich nur um militärwaffen. gefährlicher sind da doch eher die illegal erworbenen waffen, denn dafür gibts gar keine schulung!

    mir sind da auch fragen aufgetaucht wie:
    1. wer zahlt den eigentlich dem arbeitnehmer die zeit weil er während seiner arbeitszeit ins zeughaus muss und das prozedere waffenabholen und wieder zurückgeben (sauber geputz,funktionsfähi,etc) durchführen darf?
    bin ich froh dass ich das problem nicht haben werde. denn in meiner freizeit würde ich nicht ins zeughaus wollen um die waffen zu holen, resp. bringen. somit ergiben sich für jeden dienstleistenden wohl min. 2 tage mehr pro jahr. wer zahlt das? wir, das volk.

    2. gibts die militärwaffe bald nur noch nach einrucken? so quasi keine persönlichen waffen mehr sondern aus einem allgemeinen topf für alle dienstleistenden. wobei die sorgfalt dabei massiv senken wird, denn wer nicht persönlich verantwortlich ist gibt weniger sorg - bekanntermassen.

    3. passieren ohne militärwaffen zuhause weniger suizide/gewalttaten mit schusswaffen?
    kann ich mir nicht vorstellen. ist ja schön und gut, dass es weniger schusswaffen im schrank zuhause haben wird. doch wenn ich jemanden etwas antun will geh ich in die küche oder werkstatt und habe mehr als genug waffenfähiges werkzeug...

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  3. @klaeui
    Zu 1 und 2: Meine Meinung: die Waffe ist unpersönlich und gehört zum Korpmaterial wie Essgeschirr, Schaufeln und Handgranaten auch. Die Obligatorischen werden mit Leihwaffen geschossen. Die unpersönlichen Waffen sind dann auch besser gelagert und gewartet als diejenigen, die irgendwo im Keller rosten.
    Zu 3.: Eine Feuerwaffe hat einen primären Zweck: töten. Darum hat sie in einem zivilisieren Haushalt nichts verloren.

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