Mittwoch, 4. Mai 2011

Offener Brief an Erich Hess

Andreas Aerni
3132 Riggisberg

Herrn
Erich Hess
Präsident JSVP
Postfach 6803
3001 Bern

Riggisberg, 4. Mai 2010


Werter Erich!

Ich erlaube mir, dich mit Vornamen anzusprechen. Ich denke, als Vertreter einer Jungpartei sowie als Chauffeur wirst du das schätzen können.

Dein Text auf der Site der JSVP und die Kopie davon in der NZZ haben mich gelinde gesagt hässig gemacht. ich darf zitieren:
"Die nachfolgenden Gruppen bringen der Volkswirtschaft wenig und belasten das Sozialsystem überdurchschnittlich:
- Arbeitslose Ausländer: 75‘000
- Ausländische Sozialhilfeempfänger: 100‘000
- Asylsuchende: 18‘000
- Vorläufig Aufgenommene: 23‘000
- Illegale Aufenthalter: 200‘000
- Gesamt: 416‘000
Sie alle verbrauchen in der Schweiz Strom und tragen gleichzeitig dazu bei, dass der Stromverbrauch steigt und die Preise für den Strom immer teurer werden. Gemäss Bundesamt für Energie liegt der Pro-Kopf-Stromverbrauch momentan bei knapp 8‘000 kWh, die Tendenz ist deutlich steigend. Rechnet man den aktuellen Pro-Kopf-Stromverbrauch der 416‘000 oben genannten Ausländer zusammen, so kommt man auf 3,3 Milliarden kWh. Die Jahresproduktion des KKW Mühleberg beträgt 3 Milliarden kWh."
Es ist klar, dass du als bildungsferner Chauffeur - darum umso volksnaher SVP-Politiker - gewisse Mühe hast, mit Zahlen umzugehen. Jeder soll seinen Job machen, so gut er kann. Ich kann nicht mit Lastwagen umgehen und lasse es bleiben, bin aber absolut auf das Transportgewerbe angewiesen. Gerne lasse ich mir bei Gelegenheit etwas über Maschinen erzählen, aber zuvor möchte ich dir etwas über Zahlen erklären.

Wenn du irgendwo einen Text siehst, in dem steht "5 Polizisten" und "10 Männer" muss das nicht heissen, dass es sich um 15 Personen handelt. Es kann sein, dass die Polizisten gleichzeitig Männer sind. Erinnere dich an die dritte oder vierte Klasse zurück, da hattet ihr im Rechnen das Thema "Schnittmengen".
Darum darfst du nicht einfach alle "Arbeitslosen", "Sozialhilfeempfänger" und "Asylsuchende" zusammenzählen. Diese drei Gruppen zusammen sind nicht 193'000 Personen, sondern eher 100'000. In der Schule kriegst du maximal die Note 3.0 dafür.

Jetzt wird es ein bisschen schwieriger: du hast ganz richtig ausgerechnet, dass der Stromverbrauch pro Kopf etwa 8'000 kWh pro Jahr beträgt. Dies beinhaltet den Verbrauch daheim und auf der Arbeit (inklusive Verwaltung, Dienstleistungen, Industrie, Bahnverkehr etc.). Die Ausländer, die du vor die Tür stellen willst, sind alle arbeitslos und können somit keinen Strom auf der Arbeit nutzen.

Dann hast du noch gesagt, dass die Tendenz des Pro-Kopf-Stromverbrauchs deutlich steigend sei. Im Jahr 2009 wurden in der Schweiz insgesamt etwa 67'000 GWh Strom verbraucht, im Jahr 2010 waren es noch 64'000 GWh. In diesem Zeitraum hat die Bevölkerung um 80'000 Personen zugenommen. Dies nennt man "sinkende Tendenz". Die Tendenz des Gesamtstromverbrauchs ist möglicherweise steigend, weil die Bevölkerung wächst.

Stell dir vor, lieber Erich, wir setzen deine Idee um, schaffen alle genannten Ausländer aus, schalten Mühleberg ab, und dann flackert bei deinen Parteigspänli das Licht. Ich als Ingenieur kann mir solche Fehlrechnungen nicht erlauben, sonst bin ich meinen Job los. Vielleicht ist das bei dir als Politiker und Chauffeur anders.

Liebe Grüsse und einen flotten Wahlkampf!
Dein Andreas

Quellen: 
NZZ - Ausländer ausschaffen spart Strom
Daten (exkl. Ausländerstatistik) Bundesamt für Statistik

Kommentare:

  1. Endlich. einer der die Fehlrechnung in Worte fassen konnte. Aber rechnen ist ja eh schwer. Darum geh' ich ans Gymnasium.

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  2. Linke Klugscheissereien hin oder her. Die Sache ist ganz einfach. Wenn die Bevölkerung unseres Landes um 22% reduziert wird, sinkt auch der Strombedarf.

    www.dailytalk.ch

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  3. ich hab nicht nachgerechnet, jedoch freut mich der amüsante Schreibstil, nicht nur Korrekturen, auch verdienen idiotische vergleiche kritisiert zu werden. LG Don.K

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  4. @dailytalker aber schlussendlich bleibt der Strombedarf der Welt gleich hoch. Das bringt auch nichts. Denn wenn diese 22% (1'712'877.32 Personen, nach offizieller Volkszählung) der Bevölkerung (Freiwillige vor!) nicht mehr in der Schweiz sind, sind sie höchstwahrscheinlich nach deinen Plänen noch immer auf der Welt am leben. Man könnte sie auch auf den Mond schiessen. Dann müssten sie selber schauen. Wäre aber noch teurer. Aber lassen wir das Geld beiseite.
    Gesetzt der Fall diese 22% der Bevölkerung leben jetzt in... sagen wir Frankreich. Dann braucht jetzt Frankreich für 1'712'877 Personen Strom. Und auch der muss irgendwo produziert werden. Das Gesetz "Aus den Augen, aus dem Sinn" funktioniert nur in Träumen.

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  5. Die 67 bzw. 64 GWh, ist das jetzt der Gesamststromverbrauch, oder der Pro Kopfverbrauch? Ich, der mich doch eher als Bildungsnah und durchaus mit etwas Intellekt gesegnet bezeichnen würde verliere bei dem Abschnitt etwas denn Durchblick:

    "Dann hast du noch gesagt, dass die Tendenz des Pro-Kopf-Stromverbrauchs deutlich steigend sei. Im Jahr 2009 wurden 67 GWh Strom verbraucht, im Jahr 2010 nur 64 GWh, bei rund 80'000 Bewohnern mehr. Dies nennt man "sinkende Tendenz". Die Tendenz des Gesamtstromverbrauchs ist möglicherweise steigend, weil die Bevölkerung wächst."

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  6. @LiFrT Unverbesserlicher Better-Knower ;-) Habe deinen Input aufgenommen und nachgebessert. Man soll es ja verstehen.

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