Sonntag, 30. Oktober 2011

MyJourney - Armut und Herzlichkeit in Bangladesch

Es ist Sonntag 10.20 Uhr, vor wenigen Minuten sind wir vom Dhaka Airport Richtung Dubai und Zürich abgeflogen. Links neben mir sitzt ein junger Deutscher, der bei Dhaka in einem neuen Kraftwerk auf Montage arbeitet, rechts von mir ein Bangladescher, der vermutlich in Dubai arbeitet. 
Zeit, um ein paar Eindrücke zusammenzufassen. 

Freitag vor einer Woche sind wir gelandet und kriegten bald auf der Fahrt von Dhaka nach Mymensingh einen heftigen Eindruck des Landes. Die schiere Masse an Menschen überall, die überall präsente Armut war der Kulturschock, auf den man sich nicht vorbereiten kann. Obwohl uns allen durch den Flug bereits eine Nacht gefehlt hat, waren wir hellwach und saugten die Eindrücke auf. Eine gewisse Sorge kam auf, wie wir wohl erst die direkten Eindrücke "im Slum bei den Armen" verkraften werden (es gibt Gründe für die Anführunsgzeichen). Wie froh waren wir, in Mymensingh im Hotel einzuchecken und ein bisschen Abstand vom Geschehen zu nehmen.

Am ersten Tag lernten wir erst die Mitarbeiter von WorldVision Bangladesch kennen, die uns ihre Arbeit zeigten. Der erste Schritt in ein Slum war heftig! Wir gingen zwischen Wellblechhütten in einer kaum ein Meter breiten Gasse. Ich reagiere auf schlechte Gerüche extrem empfindlich, und die ersten paar Minuten waren heftig. Eine Mischung von Abfällen, Fäkalien und Verwesung wehte mir entgegen. Ich war kurz davor, mich zu übergeben und flüchtete meine Nase zum Schutz in die eigenen Kleider und bekannten Geruch.

An Gerüche gewöhnt man sich in wenigen Minuten; so konnte ich den Slum mit Augen und Ohren wahrnehmen. Die Menschen, die hier leben, schienen nicht hierhin zu gehören, zu gut sahen sie aus: saubere, farbige Kleidung, ein zufriedenes Lachen und ein ehrliches aufgeregtes Interesse an uns Besuchern. Ich fühlte mich zwar wie erwartet am falschen Ort, aber durch ihre Aufmerksamkeit sehr willkommen.

Es gab noch einen Geruchsschock einen Tag danach, weil der Zugang zur Gemeinschaft neben einem Lager von Fischfutter durchführte. Später wurde mein Geschmacksinn nur noch durch mein eigenes zwei Tage getragenes T-Shirt strapaziert.

Gerade Kinder sind unendlich dankbar. Sie führen ihre Spiele vor, stellen sich vor mit "how are you?" oder "what is your name?" vor. Ich habe den Spiess umgekehrt und die Kinder gefragt, wie sie heissen. Mein bengalisches "tu mar nam ki?" und "a mar nam Andreas" klang vermutlich schlimm, aber wurde verstanden. Ich versuchte, die Namen zu wiederholen und musste meist  korrigiert werden, manchmal mehrmals, was dann wirklich sehr lustig wurde. So haben die Kinder mein Eis gebrochen.

Auch die Frauen waren extrem herzlich und freundlich, entgegen dem Bild, wie wir uns eine Muslima vorstellen. Da lag auch schon mal eine Umarmung drin, weil das Schneiden von Zwiebeln eine ach so traurige Angelegenheit ist. Auf Fragen wurde spontan, durcheinander, aufgeregt und debattierend geantwortet. Stelle bei uns Schweizern mal eine Frage in den Raum, da wird der Atem angehalten, um ja nicht aufzufallen. Es war immer gut, wenn wir Übersetzer hatten, die den Überblick behielten.

Man sah deutlich, dass es den Menschen gut geht, sobald ihre dringendsten Bedürfnisse erfüllt sind. Wenn sie Zugang zu sauberem Wasser haben und damit umzugehen wissen, wenn sie wissen, wie man sich gesund ernährt (z.B. mit Gemüse, dass sie auf kleinem Raum selber ziehen) wenn Kinder in die Schule gehen können und darüber hinaus etwas über ihre Rechte lernen, ist die Basis gelegt für eine weitere persönliche Entwicklung.

Die Herzlichkeit, die ich in Bangladesch erlebt habe, hat mich tief berührt. Jene junge Familienfrau sagt mit einer Selbstverständlichkeit und unter Zustimmung aller, dass das Grösste ist, einen fremden Gast willkommen zu heissen und ihn glücklich zu sehen. Gerne nahmen wir die angebotene Tasse Tee und einen Snack an, von dem sie so fürchteten, dass es uns nicht schmecken könnte oder zu scharf sei (man stand lachend mit einem Glas Wasser zum löschen bereit). Oder das Mädchen, dass ein Handwerk lernt und mir einen wirklich schönen handgemachten Wandschmuck, den ich mir interessiert angesehen habe,einfach schenkt. Wie schäbig kam ich mir vor, wenn wir die Einladung zum Essen oder sogar Übernachtung ausschlagen mussten. Gerne hätten wir zurückgegeben und hatten Geschenke dabei, doch beim Verteilen hatte ich jeweils einen komischen Bauch, die Stimmung war komisch. Man spürte deutlich, dass ihnen die Zeit mit uns Geschenk genug war.

Manchmal wollten die lokalen WorldVision-Mitarbeiter eine Show vorführen und uns rasch wieder vom schlimmen Ort erlösen. Nicht mit uns! Wir wollten Zeit mit den Leuten verbringen und haben dafür manche Stunde Schlaf geopfert. Und manchen Zeitplan durcheinandergebracht.

Ich werde die Menschen so etwas von vermissen. Während dem Flug von Dhaka nach Dubai, als ich beim Schreiben dieses Textes an die verschiedenen Erlebenisse dachte, steckte ein fetter Kloss im Hals und die Augen feuchteten sich.

Bei der Kampagne "MyJourney" kommt die Herzlichkeit meines Erachtens gut heraus. Sie zeigt Kinder, denen es gut geht, weil WorldVision ihre dringenden Probleme gelöst hat. Sie haben eine Perspektive, können etwas aus ihrem Leben machen und ihre Träume wahr werden lassen. Sie werden leben, nicht nur überleben, und sie werden ohne weitere Hilfe Mitglieder, wenn nicht sogar Stützen der Gesellschaft.

Kommentare:

  1. Ich möchte meinem Kommentar zwei Dinge vorausschicken: Ich finde Entwicklungshilfe enorm wichtig und habe die Nachrichten aus Bangladesh gerne gelesen. Ich stelle eine kritische Frage - meine das aber freundlich und bin ehrlich an einer Antwort interessiert… 
    Du warst also nun auf diesem »Myjourney«. Im Vorfeld habe ich in Bezug auf die Abstimmung schon gesagt, dass ich das für eine reine Marketing-Veranstaltung halte. Du hast damals entgegnet, du hättest eine Idee, mit der du den Leuten in Bangladesh wirklich helfen könntest. Meine Frage also: Denkst du, du hast den Leute in Bangladesh direkt helfen können? (Und mit »direkt« meine ich nicht die Gefühlsebene oder der Umweg über die Möglichkeit, dass WorldVision durch dich mehr Spenden erhält.)
    Weiter gehe ich davon aus, dass die Reise von WorldVision bezahlt worden ist. Was würdest du jemandem sagen, der nach der Visionierung eines Werbespots im Fernsehen WorldVision kein Geld geben würde, weil er davon ausgeht, seine Spenden würden für die Finanzierung von Reisen von SchweizerInnen nach Bangladesh verwendet?
    Ich danke schon im Voraus für eine Antwort.

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