Freitag, 11. November 2011

MyJourney - Eine Werbereise mit Spendengeldern?


Es gibt Fragen und Kommentare, die sind so gut, dass sie einen eigenen Blogpost verdienen. Herzlichen Dank an Phillippe Wampfler.
Ich möchte meinem Kommentar zwei Dinge vorausschicken: Ich finde Entwicklungshilfe enorm wichtig und habe die Nachrichten aus Bangladesh gerne gelesen. Ich stelle eine kritische Frage - meine das aber freundlich und bin ehrlich an einer Antwort interessiert.
Du warst also nun auf diesem »Myjourney«. Im Vorfeld habe ich in Bezug auf die Abstimmung schon gesagt, dass ich das für eine reine Marketing-Veranstaltung halte. Du hast damals entgegnet, du hättest eine Idee, mit der du den Leuten in Bangladesh wirklich helfen könntest. Meine Frage also: Denkst du, du hast den Leute in Bangladesh direkt helfen können? (Und mit »direkt« meine ich nicht die Gefühlsebene oder der Umweg über die Möglichkeit, dass WorldVision durch dich mehr Spenden erhält.)
Weiter gehe ich davon aus, dass die Reise von WorldVision bezahlt worden ist. Was würdest du jemandem sagen, der nach der Visionierung eines Werbespots im Fernsehen WorldVision kein Geld geben würde, weil er davon ausgeht, seine Spenden würden für die Finanzierung von Reisen von SchweizerInnen nach Bangladesh verwendet?
Ich danke schon im Voraus für eine Antwort.

Hallo Philippe

Du glaubst gar nicht, wie froh ich um kritische Fragen bin. Die ganze MyJourney-Sache hat sich bisher wie Friede-Freude-Eierkuchen angehört, denn die Reise hat bei mir einige Euphorie ausgelöst. Es war mir bewusst, dass ich irgendwann etwas Kritischeres loswerden muss, aber dafür musste sich die Euphorie etwas legen. Dein Ansporn kommt zur richtigen Zeit.

Das Projekt My Journey ist eine Marketing-Veranstaltung. WorldVision ist sich dabei seiner Sache sehr sicher. Sie wollen Transparenz! Wir Explorer sollen uns unabhängig ein Bild machen, wie ihre Arbeit funktioniert, was mit den Geldern passiert. Sie nehmen gut vernetzte Leute mit (ich wurde sicher nicht wegen meinen schönen Augen ausgewählt). Es gelten für uns exakt dieselben Regeln, wie wenn wir ein Patenkind besuchen würden. Damit bestand für WorldVision die Gefahr, dass wir kritisch, wenn nicht sogar negativ berichten würden. Wir waren völlig frei, was wir in unseren Blogs und Facebook und Twitter berichten, es gab keine Erwartungen an unsere Berichte. Die Interviews für die Werbespots sind authentisch, wir wurden nicht geschminkt, haben nur den Schweiss aus der Stirn geputzt. Die Texte in den Spots stammen von uns selbst, wenn auch zusammengeschnitten.


WorldVision darf seine Arbeit transparent darstellen! Es steckt sehr viel Herz und Menschenliebe darin; die Erfahrung ist spürbar, bei einigen Dingen merkt man, dass (wahrscheinlich aus Misserfolgen) gelernt wurde. Es wird immer eine nachhaltige Lösung gesucht. Zum Beispiel dauert ein Programm 15 Jahre, danach ist WorldVision weg, das Programm wird ohne fremde Hilfe weitergeführt. Hilfe bekommt eine Gemeinschaft, in der die Leute solidarisch zueinander schauen und ihre Errungenschaften oder ihr Wissen weiterverbreiten. Es wird oft mit Frauen gearbeitet, weil sie zuverlässiger sind und bei einem ersten Misserfolg nicht den Bettel hinwerfen. WorldVision arbeitet ausschliesslich mit Bangladeschern vor Ort, die ihre Firma nach unseren Massstäben inklusive Buchhaltung und Erfolgskontrolle führen. WorldVision ist deutlich christlich geprägt, hat aber einen grossen Anteil an muslimischen Mitarbeitern. Die christliche Nächstenliebe ist ein spürbar tragendes Element, doch es herrscht ein strenges Missionsverbot. Es ist ebenso streng verboten, die Behörden oder die Politik zu schmieren, weil dies immer nur solange funktioniert, wie die geschmierte Person an der Stelle sitzt. 

Patenkinder sind vorgeschoben. Unser Portemonnaie öffnet sich einfach bei grossen Kinderaugen leichter. Patenkinder geben Ihren Namen für die Sponsoren und halten den Kontakt aufrecht. Die Hilfe geht immer an eine grössere Gemeinschaft, Dorf, Region, halt auch wieder mit dem Gedanken, dass die Arbeit bestehen bleibt. Man mag diese Kinder als instrumentalisiert anschauen, aber angesichts der geleisteten Hilfe ist es ein kleines Übel. Die Kinder leiden nicht darunter, im Gegenteil, sie sind stolz darauf, Patenkinder zu sein.
Es gab anscheinend früher Hilfswerke, welche die Spendengelder direkt an ein Kind brachten, d.h. dessen Familie quasi mit Gold behängt hat. Sehr oft wurde die Familien aus dem Dorf geworfen. So funktioniert Entwicklungshilfe einfach nicht.

Nicht alles bei WorldVision-Arbeit ist eitel Freude. Da war der neue Leiter eines WV-Büros, der in seinem ersten Monat noch nie auf dem Feld war, sein Büro auf etwa 16° runterkühlt und davon ausgeht, dass die Leute im Slum uns bestehlen könnten und uns ihr Essen nicht schmeckt. Oder die internen Querelen, die man etwa mitkriegt, die sich meist um Schwierigkeiten in der Kommunikation oder mit den Kompetenzen einzelner dreht, wie sie halt in Firmen vorkommen. Der grundsätzlichen Qualität der Arbeit tun diese Punkte nicht weh. 

Direkt vor Ort Hilfe leisten konnte ich leider nicht, da hatte ich eine falsche Vorstellung. Ich habe das im Beitrag "Gewässer" bereits beschrieben. Es war unsere Aufgabe, zu beobachten, Fragen zu stellen, Kontakte zu schliessen, zu berichten. Ich muss nicht als "Fremder" den Leuten zeigen, wie "es" geht. Im Sinne der Nachhaltigkeit muss das (durchaus vorhandene) KnowHow von innen kommen. Übrigens genau darum sind die Stellen von WorldVision mit lokalen Entwicklungshelfern besetzt.

Helfen konnten wir indirekt. Wir konnten den Leuten unsere Aufmerksamkeit schenken, und sie wussten zu schätzen, dass wir uns mit ihnen auf Augenhöhe abgegeben haben. Wir konnten mit ihnen philosophieren, was Glück bedeutet und ihnen zeigen, dass wir Schweizer zwar mehr besitzen, aber deswegen keineswegs glücklicher sind. Und sie wissen, dass wir dank ihnen, ihren freundliche Gesichtern, ihren lachenden Kindern neue Sponsoren finden werden.

Schade, wenn die Leute meinen, dass WorldVision uns bezahlt. Es darf ja nicht sein, dass wir mit Spendengeldern eine "Ferienreise" machen und dann noch "unabhängig" darüber berichten sollen. Unsere gesamten Auslagen (Reise, Logis, Verpflegung) wurden von Weltbild bezahlt. Dafür steht in jedem Spot "Unterstützt von Weltbild", die Homepage wird mit einem Weltbild-Logo geschmückt. (die Rolle von BestWestern ist mir nicht bekannt). Einzig die Löhne der Mitarbeiter und Kosten des Filmteams (Irrtum vorbehalten) gehen zu Lasten von WorldVision. Also würde ich ungefähr dasselbe antworten wie dir auch, mit der Bitte, die Partner unten auf der Homepage zu beachten.


Ich hoffe, deine Fragen sind beantwortet. Sonst bitte ich dich, nachzubohren. Vielleicht finde ich dank dir den grossen Flecken im Reinheft, den ich suche. So wie ich die Arbeit von WorldVision erlebt habe, bin ich überzeugt, dass unsere drei Patenkinder gut versorgt sind.
 

Kommentare:

  1. Danke für diese ausführliche Antwort. Ich verstehe nun einiges besser und finde es insbesondere sinnvoll, dass externe Sponsoren für die Reisekosten aufkommen. Ich bin mir sicher, dass du alles mit kritischen Augen beobachtest hast und vertraue deinen Aussagen.
    Meine Kritik bezieht sich auch auf mein ungutes Gefühl in Bezug auf das Marketing von WorldVision. Generell stört mich Marketing bei Entwicklungshilfe, das habe ich auch schon bei anderen Aktionen zum Ausdruck gebracht. Ich finde es problematisch, wenn Menschen sich in Bezug auf Hilfsaktionen inszenieren oder andere Menschen (denen geholfen wird) in die Darstellung einbeziehen - weil meiner Meinung nach diese Hilfe unsere Pflicht ist. Gleichzeitig sehe ich natürlich in Bezug auf den Nutzen durchaus, dass das etwas bringt. Und Transparenz ist ein sehr wichtiger Gedanke - gerade weil Intransparenz viele Leute angeblich daran hindert, zu spenden.
    Generell ist es schade, dass es einen Wettbewerb um Spendengelder gibt. Wie auch immer der Wettbewerb finanziert wird - er braucht Ressourcen, die man zur direkten Hilfe einsetzen könnte.
    Um das noch einmal klarzustellen: Das ist kein Vorwurf an dich oder WorldVision. Das ist einfach meine Haltung und mein Eindruck. Es ist bemerkenswert, mit welchem Engagement du neben all deinen anderen Verpflichtungen WorlVision unterstützt.

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  2. Der Einwand wegen Marketing ist gerechtfertigt, obwohl ich es anders sehe. Ich werde WorldVision bitten, dazu Stellung zu nehmen.

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  3. Lieber Philippe, lieber Andreas

    Mit grossem Interesse verfolgen wir die Diskussion über die MyJourney-Kampagne, über World Vision und über das Marketing von NGOs im Allgemeinen. Gerne möchte ich als Social Media Verantwortlicher von World Vision Schweiz zu diesem Punkt Stellung beziehen.

    Leider ist es generell oft so, dass wir Schweizer nur spenden, wenn wir dazu aufgefordert werden. Wenn wir NGOs kein Marketing betreiben würden, wäre die jährliche Spendensumme um ein Vielfaches kleiner, als sie aktuell ist, und so können auch weniger Projekte unterstützt werden.

    Mit der MyJourney-Kampagne geht World Vision Schweiz einen neuen Weg: Wir kommunizieren offen, transparent und auf gleicher Augenhöhe. Dazu wird nichts inszeniert, das können Aendu und alle anderen MyJourney-Explorer auch bestätigen, wir dokumentieren: Wir setzen uns konsequent und nachhaltig für eine bessere Welt für Kinder ein.

    Unser Ziel ist, dass von jedem Spenderfranken soviel wie möglich direkt in die Projektarbeit fliesst. Konkret sind es gemäss aktuellem Jahresbericht 81,8%, also etwa 82 Rappen, von einem Spendenfranken. Für das Marketing werden 12,5% der Spenden eingesetzt. Die Verwaltung und Administration beansprucht 5,7%.

    Übrigens zu deinem Votum der Transparenz noch eine interessante Information: IDEAS, eine Organisation von unabhängigen Entwicklungsexperten (www.aidrating.org) hat World Vision Schweiz das beste Transparenz-Rating der Schweizer NGOs zugesprochen.

    @Philippe: Wenn Du selbst unsere Arbeit und unsere Projekte kennenlernen möchtest, hast Du immer noch die Möglichkeit, dich für MyJourney nach Georgien zu bewerben – 22.11. ist Bewerbungsschluss.

    Beste Grüsse, aktuell kurz vor der Heimreise von der MyJourney nach Tansania,
    Clemens Schuster, Social Media Communications World Vision Schweiz

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